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Aug19

Gefangen in der Zeitschleife

murmeltier_bearb

Liebe Leser,

heute ist mal wieder der 19. August. Wie jeden verdammten Tag. Und wie jeden verdammten 19. August veröffentliche ich auch heute wieder einen Artikel, der Euch vermutlich nie erreichen wird. Aber vielleicht gibt es ja noch Hoffnung, und alles wird gut.

Anfangs fiel es mir kaum auf. Jeder Tag ähnelte dem vorherigen. Die Sonne schien morgens auf mein Bett. Sonst wurde ich immer von den Rolläden der Agentur im Nachbarhaus geweckt; es verstrich meist nicht viel Zeit zwischen dem Gehen der Spätschicht und dem Kommen der Frühschicht. Aber der 19. August 2012 ist ein Sonntag, da bleibt es ruhig, da kann man ausschlafen. Muss man auch, wegen des Katers. Alles wunderbar, nur das Schwabenbalg Paul kann einem gehörig den Tag versauen. Aber dazu später.

Nach einem eher kläglichen Frühstück (wieder vergessen, rechtzeitig einzukaufen) schlurfe ich auf den Balkon. Immer noch sonnig. Die Nachrichten kündigen mit 38 Grad den heißtesten Tag des Jahres an. Ich gebe zu, ich hätte es schlechter treffen können. Im Februar zum Beispiel kommt es einem ja auch so vor, als wäre es immer noch November. Aber der Sommer, der darf gerne etwas länger dauern.

Sonntags gehe ich meistens auf den Flohmarkt im Mauerpark. Dort besuche ich einen Freund an seinem T-Shirt-Stand und durchstöbere die Waren der türkischen Schrotthändler, in der Hoffnung doch noch ein brauchbares Ersatzteil für meine Zeitmaschine zu finden. Danach ein bisschen Karaoke gucken, vielleicht noch an den See. Bis dahin alles unverdächtig.

Dr. Lee Benway

Ich schlenderte wieder heimwärts, ein kühles Getränk in der Hand, zurück auf den immer noch sonnigen Balkon, bisschen chillen. Soweit der Plan. Doch dann kam alles anders: Dann kam Paul…

Pauls Eltern sind Schwaben, das können sie nicht leugnen, denn man hört es deutlich. Sie sind keine Pornohippieschwaben, sondern einfach nur Schwaben. Ihr Sonntagnachmittagsritual besteht darin, mit dem propperen, garstigen Nachwuchs eine Radtour zu unternehmen, damit die Kleinen am Abend erschöpft sind – und die Fresse halten. Nichts dagegen einzuwenden.

An diesem Sonntag ist aber eines der Räder kaputt und Papa Paul beschließt, es zu reparieren. Wo ginge das besser, als genau unter meinem Balkon? Lautstarke Unterstützung erhält der Schwabenpapa von seinem drallen Sohnemann, der abwechselnd auf seinen kleinen Bruder eindrischt oder bescheuerte Fragen stellt, auf schwäbisch. Er bellt die Worte dabei heraus wie ein Bullterrier auf Speed. Hauptsache laut und ein bisschen mit den Zähnen fletschen, das beeindruckt den Feind. Denkt er.

Ich mag Kinder eigentlich. Aber Paul nervt. Ich spiele mit dem Gedanken, Wasserbomben oder Blumentöpfe vom Balkon zu werfen, die Supernanny anzurufen, damit sie den Fettmops auf die stille Treppe verbannt oder einen Fahrradmechaniker vorbeizuschicken, damit es schneller geht. „Paul halt’s Maul, sonst brech ich Dir beide Beine!“ will ich vom Balkon rufen, doch die gute Erziehung lässt mich stille schweigen und es stoisch ertragen. Das alles bei der Hitze!

steampunk-mask

Ein Maulkorb für Paul

Endlose Stunden später hat der Schwabenpapa endlich das Wunder vollbracht und das Rad repariert. Mama Miracoli hat zur Feier des Tages Spätzle gezaubert, Presswurst Paul wird unter Protest an den Ohren nach Hause geschleift, sein kleiner Bruder plärrt immer noch, ein ganz normaler Sonntag eben.

Ich bin auch durch. Von der Hitze. Und dem schwäbischen Geplärre. Nächstes Mal bist Du fällig, Paul. Haste nochmal Glück gehabt, dass ich so’n friedfertiger Mensch bin. Nur noch schnell einen Artikel posten, und dann gehe ich heute früh schlafen, denke ich. Denn morgen kommt ja wieder der Putzdienst. Da will ich ausgeschlafen sein, wenn die Rollläden hochfahren.

Doch es bleibt ruhig am nächsten Morgen. Keine Rollläden, kein Putzdienst, nur ein paar Pärchen, die zum Flohmarkt spazieren. Flohmarkt? Ich bin überrascht. Vielleicht hatte ich etwas nicht mitbekommen. Feiertag? Die fröhliche Flohmarktwoche? In Berlin kann einem ja alles passieren. Ich freue mich über das verlängerte Wochenende und fahre zur Abwechslung an den See, das hatte ich am Tag davor nicht mehr geschafft. Kaum wieder zu Hause angekommen, dauerte es nicht lange und der Schwabentross postiert sich erneut unter meinem Balkon. Um ein Fahrrad zu reparieren.

Das selbe Fahrrad. Dieselben bescheuerten Fragen von Pappnase Paul. Der plärrende Bruder, der überforderte Schwabenpapa. Ich fasse es nicht. Genervt vom Lärm im Hof schalte den Fernseher ein. Sonntag, der 19. August. Dort steht es. Nun ja, vielleicht habe ich mich mit dem Samstag getäuscht. Vielleicht hatte ich eine Caipi zuviel. Die Nächte in Berlin sind lang, da kann es ja mal passieren, dass man das Gefühl für Zeit und Raum verliert. Im Fernsehen kommt ein Tatort, es scheint also zu stimmen. Leider ist der Artikel von meinem Blog verschwunden, sodass ich alles nochmal schreiben muss.

Als sich das Szenario am nächsten und übernächsten und überübernächsten Tag wiederholt, dämmert es mir allmählich. Ich bin gefangen in einer Zeitschleife. Ja, es könnte schlimmer sein. Es könnte Montag sein. Oder ein verregneter Novembertag. Oder ich könnte im Nachtzug nach Paris feststecken – das kommt mir auch jedes Mal so endlos vor. Wenn man verdrängen kann, dass der dicke, behaarte, schwitzende Kerl, der da auf der anderen Pritsche so laut schnarcht, einen vorher noch komisch angeguckt hat und sich stattdessen auf das Gedankenexperiment einlässt, man würde im Magen eines Wals reisen – was tatsächlich so klingt, wenn der Zug durch einen Tunnel fährt – wirkt es irgendwie weniger bedrohlich.

Aber nun ja, ich bin in keinem Zug. Ich hänge in einer Zeitschleife fest und versuche mir zu sagen, dass es einfach nur einer von vielen sonnigen Sonntagen in Berlin ist. Das wünscht sich doch jeder. Von der Ortschaft her hätte ich es wirklich deutlich schlechter treffen können.


Man hat ja in Berlin stets das Gefühl, etwas zu verpassen. Steckt man aber in einer Zeitschleife fest, kann man sich endlich mal alles ansehen, anstatt sich immer entscheiden zu müssen. Das tat ich nun also. Ich traf mich endlich mit all den Leuten, denen ich das schon lange versprochen hatte, sah mir jedes noch so bescheuerte Konzert an und konnte auch an Paul das ganze Spektrum an Rachegelüsten durchexerzieren.

Irgendwann aber wurde mir langweilig. Ich hatte alles gesehen, alles erlebt. Ich verfluchte mich dafür, dass ich am Samstag vergessen hatte, einkaufen zu gehen, sodass der Kühlschrank immer leer war. Die Scheißhitze ging mir auf die Nerven, selbst die kleinen Attacken auf Paul konnten mich nicht mehr erfreuen. Zuletzt tat er mir sogar ein bisschen leid, der kleine Schreihals. Ich erhoffte mir in wissenschaftlichen Artikeln eine Lösung für mein Problem zu finden, aber nichts half.

Gestern beschloss ich, seinem Vater beim Reparieren des Fahrrads zu helfen, weil mir wirklich nichts Besseres mehr einfiel und ich an all den Sonntagen genug Flohmarktschrott zusammengetragen hatte. Es erinnerte mich ein wenig an die alten Zeiten, als ich noch an der Zeitmaschine bastelte, und ich wurde ein wenig wehmütig.

Steampunk Bike

Paul hatte ich ruhiggestellt. Wenn er mampft, kann er nicht so viel reden… Seems legit. Die Alternative (s.o.) hätte ihm nicht gefallen.

Paul

Heute morgen war endlich etwas anders. Ich wachte nicht wie sonst verkatert bei Sonnenschein auf. Stattdessen hörte ich Autolärm. Und Regen! Ich lag in meinem Bett, aber es war nicht meine Wohnung. Oder doch? Alles war anders, aber die Möbel gehören mir. Ich blickte aus dem Fenster. Nichts kam mir bekannt vor. Also trat ich vor die Tür. Im Treppenhaus fand ich eine Zeitung: Montag, der 19. August. Montag?? Ein verrregneter Montagmorgen in Hannover! Natürlich Hannover. Nur in England regnet es noch mehr. Aber selbst das erscheint mir gerade großartig. Und weit und breit kein Paul zu hören. Hoffentlich ist morgen der 20. August!

Ich weiß nicht, was es ausgelöst hat, ich bin nur froh, wenn es vorbei ist. Vielleicht war der Latte schlecht, und es handelt sich bei dem Café „An einem Sonntag im August“ um eine geheime Forschungsstation, die Experimente an unbedarften Berlinern durchführt.


Lasst es Euch gesagt sein, man muss nicht wirklich alles gesehen haben, und Sommerregen kann sehr erfrischend sein. Selbst in Hannover. Glücklicherweise sind Raumreisen einfacher zu bewerkstelligen als Zeitreisen. Ich komme dann bald mal wieder vorbei.

Gehabt Euch wohl!

Nika

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