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Mrz18

Die Aufgetauten (8)

Die Entlassung

Am Tag nach der Entdeckung ging ich nicht zur Arbeit. Ich hatte nur wenige Stunden schlecht geschlafen, weil ich immer wieder den Inhalt des Edelstahlbehälters vor mir sah. Früh stand ich auf und kochte mir gewohnheitsmäßig den Tee. Danach verließ ich die Wohnung und ging ziellos durch die Stadt. Die Tageszeitungen interessierten mich nicht mehr. Am Nachmittag setzte ich mich in den Wagen und fuhr ebenso ziellos umher. Ich konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen. Weshalb wurden so junge Menschen in flüssigem Stickstoff konserviert? Ich konnte keine Antwort auf diese Frage finden.

Abends ging ich in eine Bar, saß am Tresen, hörte die Gespräche um mich herum und nahm doch nichts wahr. Spät ging ich ins Bett und schlief gleich ein. Als sich der Alkohol verflüchtigt hatte, wurde ich wach und fühlte den unangenehmen, kalten Schweiß auf der Haut, den man nur dann verspürt, wenn man von einer gewissen, unbestimmten Angst geweckt wird, die am Morgen nach schlafloser Nacht wieder verdrängt ist.

Am Vormittag erhielt ich eine Email von meinem Arbeitgeber. In ihr wurde mir mitgeteilt, dass ich die Probezeit nicht bestanden hätte, und ich mit sofortiger Wirkung entlassen sei. Als Begründung wurde mir genannt, dass ich mich nicht sofort in der vorgeschrieben Art telefonisch krank gemeldet hätte und auch meine Arbeitsleistung unter den Erwartungen geblieben wäre. Ich könne mir meine Papiere jederzeit im Büro abholen.

Ich fuhr zur Firma, um mich von meinem Kollegen zu verabschieden. Auf dem Hof traf ich den Meister. Der sagte mir, dass meine Entlassung in keinem Zusammenhang mit meiner Erkrankung stehen würde. Ich hätte einfach die geforderten Leistungen nicht erbracht und die Probezeit wäre damit nicht bestanden. Ich sagte dazu nichts und erkundigte mich nach meinem Kollegen. Dieser war gerade damit beschäftigt, den Transporter zu beladen. Als er mich sah, sagte er, dass ich nicht gut aussehe und führte das auf meine Erkrankung zurück. Er verabschiedete sich herzlich von mir und meinte, dass ich wahrscheinlich nie einen unbefristeten Vertrag bekommen hätte. Er wünschte mir viel Erfolg bei der Arbeitssuche.

Ich lief weiter ziellos durch die Stadt. Da es langsam Frühling wurde, saß ich lange auf der Terrasse eines Gartencafés.

Am frühen Abend rief ich die Assistentin an. Zu meiner Erleichterung ging sie ans Telefon. Ich sagte ihr, dass ich sie gerne noch heute sprechen würde. Sie zögerte lange, legte aber nicht auf. Schließlich willigte sie ein. Wir verabredeten uns in dem Altstadt-Café, das wir von unserem ersten Treffen her kannten. Das Café war diesmal fast leer. Ich setzte mich auf denselben Platz, den ich auch bei unserem ersten Treffen gewählt hatte. Ich wusste nicht, was ich bestellen sollte, wählte aber schließlich, obwohl es nicht die Zeit dafür war und ich auch kein Verlangen danach hatte, einen Kaffee. Sie kam etwas verspätet und machte auf mich einen nervösen Eindruck, der nicht zu ihrem Charakter passte. Ihr Äußeres hatte den Anschein, dass sie sich nur flüchtig auf unser Treffen vorbereitet hatte. Sie blätterte noch unschlüssiger als ich in der Karte und bestellte schließlich ein Glas Mineralwasser.

Ich erzählte ihr sofort, was ich gesehen hatte. Merkwürdigerweise war sie weder überrascht noch schockiert. Sie schlug zwar die Augen nieder, und ihre Hand krampfte sich um das Glas, ich hatte aber fast den Eindruck, dass sie meine erschütternde Offenbarung erwartet hätte. Sie sah mir auch gleich wieder fest in die Augen und sagte leise: “Ich werde dir alles erklären.“

Liebe NikaKult-Leser, ich hoffe, dass Ihr Verständnis dafür habt, dass ich jetzt nicht weiterschreiben kann. Die Erinnerungen an die folgenden Einhüllungen machen es mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt unmöglich. Ich denke aber, dass ich meine Emotionen schon bald so weit beherrschen kann, dass ich in Kürze meine Erzählung zu Ende bringen werde.

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