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Mrz11

Die Aufgetauten (5)

Die Assistentin

Gleich am nächsten Abend rief ich die Mitarbeiterin von „Nitrobiotec“ an. Sie wirkte am Telefon sicher und wir verabredeten uns für den Samstagnachmittag in einem Café der Innenstadt. Ich kam schon etwas früher und fand auch gleich einen Tisch, an dem wir uns ungestört unterhalten konnten. Der Kellner kam, ich bestellte aber noch nichts.

Ich hatte Gelegenheit mich umzusehen. Es war ein gemütlicher, angenehm beleuchteter Raum. Die Gäste kamen vermutlich aus der Umgebung. Zwei junge Frauen unterhielten sich angeregt an einem Nebentisch. Ein verliebtes Pärchen war mit sich selbst beschäftigt. Ein Mann blätterte in der zerlesenen Tageszeitung. An zwei zusammengestellten Tischen diskutierten mehrere junge Leute offensichtlich über die Realisierung eines Filmprojektes.

Kurze Zeit später betrat sie das Café. Ich stand auf und gab ihr die Hand. Sie lächelte und setzte sich zu mir, schräg gegenüber, auf eine mit rotem Leder bezogene, gemütliche Sitzbank. Sie trug ihre halblangen Haare jetzt offen und war nur ganz dezent geschminkt. Mit ihren hellen Augen sah sie mich erwartungsvoll an. Der Kellner, der ihr Kommen bemerkt hatte, kam wieder an unsern Tisch. Sie bestellte ein Kännchen Tee und ein Stück Cassis-Torte. Ich nahm einen Cappuccino und entschied mich nach kurzem Überlegen für die Sachertorte.

Es gab von Anfang an keine Gesprächspausen. Wir redeten zuerst über unsere Reisen nach Ägypten und stellten bald fest, dass wir die üblichen Reiseziele im Land gesehen hatten.

Später fragte sie mich nach meiner Tätigkeit im Ausland und weshalb ich wieder nach Deutschland zurück gekommen wäre. Ich gab ihr oberflächlich einige Auskünfte und fragte sie nach ihrer Arbeit in ihrer Firma.

Sie erzählte mir, dass sie dort seit langem als Medizinisch-Technische-Assistentin arbeite. Als ich nachfragte, was in der Firma „Nitrobiotec“ hergestellt oder erforscht würde, antwortete sie bereitwillig, dass es ein privat finanziertes wissenschaftliches Institut sei, welches auf gentechnischem Gebiet forsche. Mehrere Projekte würden allerdings großzügig vom Bundesministerium für Bildung und Forschung unterstützt. Als ich mich nach der großen Kühlanlage und der Halle mit den Edelstahlbehältern erkundigte, gab sie mir ohne zu zögern die Auskunft, dass dort gentechnisches Material gelagert sei. Ich beließ es dabei und wechselte das Thema. Sie erzählte mir, dass sie gerne Musik höre und gelegentlich in ein Konzert gehe.

Ohne, dass ich es wirklich bemerkte, waren über die Gespräche fast zwei Stunden vergangen. Ich hatte mein Stück Sachertorte nur zur Hälfte gegessen, da ich es als unerträglich süß empfand. Vermutlich weil ich seit Jahren keinen Zucker mehr esse und alles vermeide, was Zucker enthält. Diese Gewohnheit hat nichts mit ärztlichen Empfehlungen zu tun. Es ist einfach nur eine Abneigung, die sich im Laufe der Jahre seltsamerweise ganz natürlich herausgebildet hat.

Ich bestellte noch ein Glas Wasser, während sie ihren Tee austrank. Als der Kellner kam, fragte ich nach der Rechnung. Als ich sah, dass sie nach ihrer Handtasche griff, bat ich sie, mir die Rechnung zu überlassen. Sie willigte ein und bedankte sich. Ich half ihr in den Mantel, der ihre schlanke Gestalt vorteilhaft betonte.

Ich hatte meinen Wagen in der nähe des Cafés geparkt und fragte, ob ich sie nach Hause fahren dürfe. Sie willigte ein. Ich öffnete ihr die Wagentür, was sie mit einem Lächeln quittierte. Als ich den Wagen anließ, bemerkte ich, dass ihr Blick über die Wurzelholztäfelung des Armaturenbretts glitt. Ich erwähnte, dass das Auto schon älter sei und dass ich es gebraucht gekauft hätte. Der Sechzylinder glitt noch ruhiger als sonst über die Unebenheiten der Straße. Ohne dass wir viel redeten, erreichten wir ein Wohnviertel mit Häusern aus der Gründerzeit. Am Ziel angekommen, stieg ich aus. Wir verabschiedeten uns und verabredeten ein neues Treffen in einem Jazzclub. Sie ging, ohne sich umzudrehen, zum Hauseingang. Ich sah ihr nach. Sie ging sicheren Schrittes zur Haustür und öffnete sie. Als sich die Tür hinter ihr geschlossen hatte, stieg ich wieder ins Auto.

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