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Mrz04

Die Aufgetauten (2)

Die Begegnung

Nachdem ich mir die Videos angesehen hatte, konnte ich den Rest der Nacht nicht mehr schlafen. Ich überlegte bis zum hell werden, wie ich der Sache auf den Grund gehen könnte. Dazu musste ich das Paar finden und es fragen, warum sie sich so und nicht anders kleiden und warum sie Frisuren tragen, die ich seit meiner Jugend nicht mehr gesehen hatte.

Die Suche nach dem Paar gestaltete sich äußerst schwierig. Niemand kannte es. Der Band war auch nichts Besonderes aufgefallen. Mein Freund, der das Video aufnahm, war der Meinung, dass die beiden sich nicht all zu lange im Club aufgehalten hätten. Sicher war er sich aber auch nicht. Meine Nachforschungen führten zu nichts und der Barkeeper konnte mir auch nicht weiterhelfen.

Ich kam in der Sache einfach nicht voran. Einige Tage später begegnete ich in einem jungen Mann. Ich saß in einer Bar und hatte schon den zweiten Cuba Libre bestellt. In Gedanken war ich auch schon wieder mit dem Paar aus dem Video beschäftigt. Er setzte sich neben mich an den Tresen und bestellte ein Bier. Er war ähnlich gekleidet wie ein Jugendlicher in den Sechzigern. Die Haare trug er allerdings anders als der Bassist von den Small Faces. Sie waren so geschnitten, dass es so aussah, als ob er selbst  Hand an seine Frisur gelegt hätte.

Ich kannte diese Frisur nur zu gut. Sie war so fusselig geschnitten, wie es immer herauskam, wenn sich meine Schwester meiner Haare annahm. Sie hatte überhaupt keine Ambitionen, sie mir zu schneiden. Ich drängte sie aber so lange, bis sie widerwillig zur Schere und einer Rasierklinge griff und mich damit verunstaltete. Das sah aber immer noch „beatiger“ aus, als das jeder Friseur damals gemacht hätte. Dazu muss ich auch sagen, dass die Friseure, die in meinem Kiez praktizierten, mutmaßlich alle längere Zeit bei der Wehrmacht dienten. Sie schnitten deshalb den Faconschnitt schon fast mit geschlossenen Augen. Die Wünsche ihrer jugendlichen Kunden fanden bei ihnen überhaupt kein Gehör. Wenn man ihren Salon verließ, piekste es unangenehm am Hals, und man hätte sofort mit einem guten Gefühl zur Musterung gehen können.

Ich begann mit meinem Nachbarn ein Gespräch und fragte ihn später beiläufig, wo er sich denn die Haare schneiden ließe. Er erklärte mir, dass es ein Friseur in seiner Straße sei und dass die Frisur nichts Besonderes wäre. Ich ließ aber nicht locker und fragte ihn weiter, woher er denn das Jackett hätte, das mich so an die Mode der Sechziger erinnere. Er antwortete ausweichend.

Da das Mädchen, mit dem er verabredet war, nicht kam und er auch keine Antwort auf seine SMS erhielt, redete er weiter mit mir. Er trank auch etwas mehr, als er es wahrscheinlich für diesen Abend vorgehabt hatte. Ich unterstützte das und lud ihn zu einem Cuba Libre ein. Ein DJ betrat den Raum und machte sich am Plattenspieler zu schaffen. Er hatte eine Frisur wie Brian Jones. Mein Nachbar begrüßte ihn kurz mit einem Lächeln. Kannten sie sich? Der DJ legte Platten aus den Sechzigern auf. Nicht sehr bekannte Songs von den Kinks, Seeds oder den 13th Floor Elevators. Etwa so:

Zum Glück spielte er aber auch ruhige Titel, so dass ich mich mit meinem neuen Bekannten weiter unterhalten konnte. Gegen 23.00 Uhr schaute er nervös auf seine Armbanduhr und sagte, dass er einen wichtigen Termin versäumt hätte und dass er jetzt sofort gehen müsse. Er versuchte abrupt aufzustehen, rutschte aber vom glatten Bezug des Barhockers ab und fiel zu Boden. Ich half ihm auf und bot ihm an, ein Taxi zu bestellen. Er willigte ein und kramte in seinen Taschen nach etwas Geld. Er hatte wirklich etwas zu viel getrunken und schwankte beim Stehen. Ich übernahm die Rechnung, nahm ihm beim Arm und ging mit ihm hinaus.

Vor dieser Bar warten immer Taxis. Diesmal suchte ich nicht wie sonst das Älteste aus, sondern nahm das Erste in der Schlange. Ich fragte meinen etwas hilflosen neuen Freund, wo er denn hin möchte. Er lallte eine Adresse. Der Fahrer gab Gas. Mein Begleiter schlief während der Fahrt ein. Das Fahrtziel war ein Wissenschaftscampus, das auf einem alten Industriegelände am Stadtrand errichtet worden war. Das Taxi hielt vor einem hell erleuchteten Tor. Ich weckte meinen Begleiter und half ihm aus dem Taxi. Es war kalt und unser Atem kondensierte. Er sah mich nur kurz an und ging mit unsicheren Schritten zum Tor. Ich folgte ihm nicht. Der Pförtner kontrollierte seinen Ausweis und nahm einen Telefonhörer ab. Ein Mann in einem weißen Kittel kam nach kurzer Zeit, nahm den jungen Mann in den Arm und ging mit ihm in das Gebäude. Ich stieg wieder in das Taxi und ließ mich in die Stadt zurück fahren.

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