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Apr07

Die Ärzte (1)

Dr. Hackmann

Liebe NikaKult-Leser,

während Nika unter Schafen weilt, um herauszufinden, ob sie Materie derart verdichten können, dass daraus schwarze Löcher entstehen, hat sie mir ihren Blog mit dem Auftrag übergeben, Sie mit interessanten Geschichten aus meiner Heimatstadt zu unterhalten.

Da gäbe es eine Menge zu erzählen, und gerade deshalb ist es nicht einfach, einen Anfang zu finden. Da mich aber einige Anfragen erreichten, wie ich es mit den Ärzten halte, da ich im Kapitel 7 der „Aufgetauten“ davon sprach, dass ich seit Jahren keinen von ihnen aufgesucht hätte, möchte ich mich diesem Thema einmal zuwenden und eine kleine Zeitreise in die Vergangenheit wagen. Ob das nun unterhaltsam wird, müssen Sie entscheiden. Ich habe es jedenfalls so erlebt.

Die Berliner Universität mit der ihr angegliederten Charité hat ja bekanntermaßen herausragende Ärzte hervorgebracht. Die bekanntesten sind: Hufeland, Virchow, Sauerbruch, Graefe und Koch. Einige andere Doktoren, die aus dieser hervorragenden, medizinischen Bildungseinrichtung hervorgegangen sind,  haben auch in meinem Leben eine Rolle gespielt und mir mit ihrer ärztlichen Kunst in schwierigen Lebenssituationen zur Seite gestanden.

Zuerst aber, zu Beginn meines Lebens, waren sie eher abwesend. Meine Mutter hatte sich nämlich entschlossen, anlässlich der bevorstehenden Geburt ihres Kindes keine Geburtshilfeklinik aufzusuchen. Sie brachte mich vielmehr mit Hilfe einer Hebamme in ihrem Ehebett zur Welt. Das hatte für mich viele Vorteile. Zum einen wurde ich gleich in die Familienatmosphäre mit all ihren Gerüchen und Geräuschen hineingeboren und musste mich nicht erst in einem Krankenhaus mit fremden Eindrücken auseinandersetzen. Zum anderen teile ich mein Geburtshaus nicht mit vielen hunderttausend anderen Menschen, sondern weiß es in einer kleinen Berliner Nebenstraße, die in einem heute beliebten Szenebezirk liegt, der damals noch ein Arbeiterbezirk war, in dem selbstverständlich „berlinert“ wurde.

Das Ganze spielte sich in einer Hinterhofwohnung ab, die nur einige Quadratmeter maß, und, wie es damals noch üblich war, auch kein Bad hatte. Es sei dem Leser überlassen, sich vorzustellen, wie ich als schreiender Neugeborener in einer Zinkwanne strampelte. Plastik kam erst etwas später in Mode. Das Wasser für mein erstes Bad wurde vermutlich in einem Topf  auf dem Gasherd in der Küche erwärmt.

Der erste Arzt, der mir in meiner frühen Kindheit begegnete, hieß Dr. Hackmann. Er war Kinderarzt und impfte mich und meine Freunde aus unserem Kiez zur gegebenen Zeit.

Dr. Hackmann war ein großer, stattlicher Mann, so Mitte fünfzig, mit tiefer, sonoriger Stimme. Er war einfach respekteinflößend. Wir Kinder saßen etwas ängstlich in seinem Sprechzimmer und schauten uns Schneewittchen mit ihren sieben Zwergen an. Sie waren an der Wand angebracht und aus Sperrholz ausgesägt. Schneewittchen war ein wunderschönes Mädchen mit langen, schwarzen, in der Mitte gescheitelten Haaren, einem roten Mund und lustigen, braunen Augen. Die Zwerge hatten bunte Zipfelmützen auf dem Kopf, runde, rote Bäckchen und meist eine Knollennase. Schneewittchen überstrahlte mit ihrer Schönheit aber das ganze Wartezimmer und zog meine ganze Aufmerksamkeit auf sich.

Glücklicherweise sah ich Dr. Hackmann nur äußerst selten, da meine Krankheiten von meiner Mutter selbst behandelt wurden. Bei Fieber öffnete sie immer ein Glas selbsteingeweckter Sauerkirschen, und bei eitrigen Anginen gab es heißen Zitronensaft mit etwas Wasser. Bauchschmerzen behandelte sie mit einem scheußlich bitteren Tee, den ich als Kind kaum trinken konnte. Er wurde mit dem Hinweis: „Was bitter dem Mund, ist dem Herzen gesund.“, verabreicht.

Als ich etwa zehn Jahre alt war, machte ich das erste Mal Bekanntschaft mit einem Krankenhaus. Dieses für mich eindrucksvolle Erlebnis, möchte ich aber erst beim nächsten Mal erzählen, da mich Nika schon gemahnt hat, die Leser nicht allzu lange warten zu lassen.

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