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Apr13

Die Ärzte (4)

Dr. med. Keiling

Mein Krankenhauserlebnis lag schon eine ganze Weile zurück, und ich befand mich, der Pubertät gerade glücklich entronnen, mit 17 Jahren voll in der Ausbildung meiner Fähigkeiten. Nach Abschluss derselben, sollte ich, wie es sich gehört, der Gesellschaft als nützliches Mitglied zur Verfügung stehen.

Solche Phasen der Ausbildung sind oft anstrengend. Und da Jugendliche dazu neigen, an den Wochenenden ausgiebig zu feiern, nicht selten auch ermüdend.

In meinem Freundeskreis wurde dieses Phänomen ausgiebig diskutiert, und ich stellte fest, dass die meisten meiner Freunde unter ähnlichen Symptomen litten.

Was war dagegen zu unternehmen? Ein guter Arzt sollte Abhilfe schaffen. Ein Freund machte den passenden Vorschlag. Ihm sei ein Arzt bekannt, der immer ein Mittel gegen die besonders am Montag auftretenden Beschwerden von Jugendlichen wüsste. Diese Erkrankungen würden von ihm nicht immer mit Medikamenten geheilt. Vielmehr verordnete er Bettruhe. Das war genau das Richtige, was ich brauchte. Wieder mal so richtig ausschlafen!

Nach einem anstrengenden Wochenende, das am Freitagabend begann und erst in der Nacht zum Montag endete, fühlte ich mich soweit, die Dienste jenes Mediziners in Anspruch zu nehmen, der mir von meinen Freunden so herzlich empfohlen worden war, und von dem sie nur das Beste zu berichten wussten.

Ich machte mich also am Montagvormittag, anstatt wie gewohnt meine Bildungseinrichtung aufzusuchen, auf den Weg zur Arztpraxis. Sie befand sich, wie von meinen Freunden beschrieben, in einem Einfamilienhaus. In diese idyllische Vorstadtgegend hatte es mich verschlagen, da meine Mutter nicht weiter in der kleinen Wohnung, in der ich das Licht der Welt erblickte, wohnen wollte. Ich musste also meinen geliebten Kiez verlassen. Dies fiel mir aber relativ leicht, da wir in ein kleines Haus zogen, das auf einem großen, verwilderten Gartengrundstück stand. In meiner neuen Umgebung fand ich sofort Freunde, die die gleichen Interessen hatten wie ich, nämlich zu feiern.

Etwas unsicher betrat ich die Praxis und meldete mich bei Schwester Helga am Empfang. Ich sagte ihr, dass ich gerne den Doktor wegen einer Erkältung konsultieren würde.

Schwester Helga war eine freundliche Frau mittleren Alters, die alle Aufgaben einer Sprechstundenhilfe souverän erledigte. Da ich das erste Mal in dieser Praxis war, stellte sie mir die üblichen Fragen und notierte meine Antworten auf einer Karteikarte. Da das Wartezimmer sehr klein war und nicht alle wartenden Patienten aufnehmen konnte, empfahl sie mir, in etwa zwei Stunden wiederzukommen.

Pünktlich war ich zur angegebenen Zeit in der Arztpraxis und wurde auch bald in das Sprechzimmer eingelassen. Meine Unsicherheit steigerte sich.

Dr. Keiling begrüßte mich freundlich und wies mich an, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, der ihm gegenüber vor dem Schreibtisch stand. Er fragte mich, welche Beschwerden mich in seine Praxis geführt hätten. Ich räusperte mich, hüstelte etwas und sagte, dass ich ein Kratzen im Hals verspüren würde, das auf eine Erkältung hindeute. Außerdem hätte ich in der Nacht schlecht geschlafen und es könne sein, dass ich am Abend mit erhöhter Temperatur zu Bett gegangen sei. Allerdings hätte ich die Temperatur nicht gemessen.

Dr. Keiling sah mich kurz prüfend an und nahm dann erst einmal eine Zigarette aus der Schachtel, die vor ihm auf dem Schreibtisch lag. Er zündete sie an, zog den Rauch tief in die Lungen ein und blies ihn anschließend durch die Nase wieder aus. Da er nichts weiter fragte, hatte ich Gelegenheit, mich etwas umzusehen. Hinter ihm an der Wand hing ein unübersehbarer Sinnspruch in einem Rahmen:

„Gelebt, geliebt, geraucht, gesoffen, und alles nun vom Doktor hoffen.“

Auf seinem Schreibtisch lag ein Totenschädel, mit dem Gesicht zu ihm gewandt. Auf dem Schädel war ein Brillengestell aus Messing angebracht. Allerdings fehlten die Augengläser. Dieser Schädel erfüllte einen Zweck, der sich mir erst kurze Zeit später erschloss. Er diente dem Doktor als Aschenbecher. Als die Asche seiner Zigarette etwa einen Zentimeter lang war, steckte er sie in die rechte Augenhöhle des Schädels und klopfte sie ab. Danach legte er die brennende Zigarette auf eine kleine Halbschale, die an der Unterseite des Brillengestells als Halterung angelötet war. Aus den Augenhöhlen des Schädels quoll der Rauch. Ob dieser Schädel echt war oder eine Imitation, die als Aschenbecher gearbeitet worden war, vermag ich nicht zu sagen, da ich nie danach fragte.

Nachdem der Doktor eine Weile geraucht hatte, fragte er mich, ob ich mich ernsthaft krank fühle, oder ob ich krank geschrieben werden wolle. Wahrheitsgemäß antwortete ich ihm, dass es mir um die zweite Angelegenheit ginge. Daraufhin holte er aus einer Schreibtischschublade einen Hustenbon, der in dunkelgrünes Papier eingewickelt war und reichte ihn mir mit den Worten: „Hier ist deine Medizin.“ Er stand auf und begleitete mich zur Tür. Dort wies er Schwester Helga an, mir einen Krankenschein für eine Woche auszustellen.

Etwas verwirrt verließ ich die Praxis.

In den nächsten Jahren suchte ich den Doktor das eine oder andere Mal, ausschließlich zur Behandlung leichter, winterlicher Erkältungen, auf. Das wäre sicher so viele Jahre weiter gegangen, wenn nicht ein tragisches Ereignis dem ein plötzliches Ende bereitet hätte.

Dr. Keiling pflegte, wie die meisten Allgemeinmediziner auch, Patienten zu Hause zu besuchen, die krankheitsbedingt nicht in der Lage waren, seine Praxis aufzusuchen. Seine Frau fuhr ihn dann mit dem Auto. Da er selbst nicht am Steuer saß, konnte er mit seinen Patienten das eine oder andere Glas leeren, während er sich nach ihrem Befinden erkundigte. Das führte manchmal dazu, dass er nach einigen Krankenbesuchen, gestützt auf seine Frau und in manchen Fällen auch zusätzlich gestützt durch seinen Patienten, zum Auto ging.

Nach einem solchen Hausbesuchsabend stürzte er auf der Treppe seines Hauses so unglücklich, dass er sich eine schwere Kopfverletzung zuzog, an deren Folgen er verstarb.

Unter allergrößter Anteilnahme seiner Patienten wurde er auf dem dörflich anmutenden Friedhof dieser Gegend zu Grabe getragen.

Als ich den Entschluss fasste, diese Erinnerungen aufzuschreiben, besuchte ich nach langer Zeit den kleinen Friedhof wieder. Ich hatte keine Mühe, das immer noch liebevoll gepflegte Grab zu finden.

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