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Apr11

Die Ärzte (3)

Das Krankenhaus (Fortsetzung)

Am nächsten Morgen, der Arzt sah mich bei der Visite zufrieden an, hatte ich mich schon etwas an den fremdartigen glänzenden Gegenstand auf meiner Stirn gewöhnt.

Im weiteren Verlauf des Vormittags wurde ich dann von der resoluten Krankenschwester in einen Behandlungsraum der Krankenbaracke geführt. Dort musste ich mich auf einen Stuhl setzen, während die Schwester einige Gegenstände auf einem kleinen Rollwagen bereitlegte. Darunter befand sich auch eine ziemlich große Spritze. „Sollte jetzt doch noch eine Rückenmarkpunktion erfolgen?“, dachte ich etwas verunsichert.

Bald kam der Arzt. Er entfernte zuerst den Metallstöpsel am Ende der Kanüle und saugte danach lauwarmes Wasser aus einem Gefäß in die Spritze. Dann setzte er sie auf die Kanüle, die aus meiner Stirn ragte und spritzte den Inhalt in meinen Kopf. Zu meiner Überraschung lief das Wasser aus meiner Nase in eine nierenförmige, emaillierte Schale, welche die Schwester vorsorglich unter mein Kinn hielt.

Nicht nur ich war überrascht, sondern auch der Arzt. „Da ist ja gar kein Eiter drin!“, rief er aus, als er das klare Wasser in der Schüssel sah.

Voller Stolz schwoll meine Brust etwas an, und ich richtete mich auf. Was hatte der denn gedacht? Das in meinem Kopf etwa Eiter wäre? Die Schwester sah den Arzt verunsichert an. Dieser räusperte sich und füllte die große Spritze erneut. Er setzte sie wieder auf die Kanüle und drückte jetzt etwas stärker auf den Kolben. Ich lächelte, denn ich war mir sicher, dass in meinem Kopf kein Eiter war. Der Arzt schüttelte den Kopf, als er das klare Wasser in der Schüssel sah und wies die Schwester etwas barsch an, mich wieder in mein Krankenzimmer zu bringen. Dort verbrachte ich den Rest des Tages mit meinem Märchenbuch, ohne mich mit den Herren in meinem Krankenzimmer anzufreunden. Der Altersunterschied war einfach zu groß.

Am Morgen des folgenden Tages wiederholte sich die Prozedur erneut. Nach der Visite wurde ich wieder in den Behandlungsraum geführt, und der Arzt versuchte mehrmals ohne Erfolg, etwas aus meinem Kopf zu spülen. Es gelang ihm wieder nicht. Da diese Prozedur überhaupt keine Schmerzen verursachte, fühlte ich Stolz in mir, vielleicht sogar etwas wie Überlegenheit gegenüber dem Arzt, der einen Anflug von Unsicherheit nicht verbergen konnte.

Nach diesen erfolglosen Spülversuchen gab er sein Bemühungen auf, riss das Pflaster, mit der die Kanüle auf meiner Stirn fixiert war, ab und zog diese aus meiner Stirn. Die Schwester klebte noch ein frisches Pflaster auf die kleine Öffnung und brachte mich wieder in mein Krankenzimmer zurück.

Ich war glücklich. Bestimmt würde ich bald wieder nach Hause entlassen werden, und ich könnte meinen Freunden stolz erzählen, was ich erlebt und mutig überstanden hatte.

Meine Freude war verfrüht. Am Abend kam die Schwester an mein Bett und erklärte mir, dass ich jetzt jeden Abend eine Penicillinspritze bekommen würde. Ich ergab mich meinem Schicksal und drehte mich nach ihrer Anweisung auf dem Bauch. Sie rammte mir die stumpfe Kanüle in meinen Kinderpo. Einwegspritzen kamen erst später in Gebrauch. Mir traten die Tränen in die Augen, aber ich ließ mir nichts anmerken.

Am nächsten Abend dieselbe Prozedur. Zum Glück nicht ganz so schmerzhaft. Ich hatte wohl eine Kanüle erwischt, die gerade frisch angeschliffen war. So ging das Tag für Tag. Im Krankenhaus war es unendlich langweilig, da ich mit den Männern in meinem Zimmer nichts anfangen konnte. Schon am Vormittag dachte ich an die allabendliche Spritze. Weihnachten stand vor der Tür, und ich gab schon alle Hoffnungen auf, dieses Fest mit meiner Familie, in der mir von Geburt an vertrauten Umgebung, verbringen zu können, als die Schwellung meines Augenliedes plötzlich über Nacht so schnell verschwand, wie sie gekommen war. Der Arzt betrachtete mich zufrieden und erteilte die Anweisung, mich zu entlassen. Glücklich packte ich meine wenigen Sachen zusammen und verließ mit meiner Mutter, die mich abholte, das Krankenhaus.

Nach den Weihnachtsferien gab es in der Schule ein großes Hallo, als mich meine Freunde wieder bei sich hatten. Ich erzählte ihnen jedes Detail und konnte auch zum Beweis der Richtigkeit meiner Schilderungen, die kleine runde, aber immer noch rote Narbe auf meiner Stirn zeigen. Sie wurde ausführlich begutachtet, und ich war mir sicher, dass meine Krankenhauserlebnisse mehr Eindruck auf meine Freunde machten, als jede Rückenmarkpunktion.

Etwa nach einem Jahr schwoll mein Augenlid wieder an, wenn auch nicht so stark wie beim ersten Mal. Ich sagte nichts. Die Schwellung wurde von meinen Eltern nicht bemerkt und verschwand von ganz allein. Dasselbe trat später noch einmal auf, wieder mit demselben Ergebnis.

Mit der Zeit verblasste die kleine Narbe auf meiner Stirn, und ich musste schon im Spiegel genau hinsehen, um sie zu finden. Heute sieht man nichts mehr davon, und nur die Erinnerung daran ist geblieben.

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