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Feb13

Der Sperling

Das Wort zum Sonntag von Prof. Dr. Rabenberg

Viele Menschen stellen sich die Frage nach dem Woher und Wohin, nach dem Sinn des Lebens und weshalb Zeitreisende bruchlanden und sich deshalb in unserer Welt zurechtfinden müssen. Nun, die Frage ist leicht gestellt, aber eine Antwort zu geben, erfordert doch einiges Nachdenken. Letzten Sommer bin ich auf der Terrasse eines Kaffeehauses der Antwort um einiges näher gekommen.

Nachdem ich meinen Kaffee zur Hälfte getrunken hatte und meine Lieblingszeitung zu mehr als zwei Drittel gelesen hatte, wurde ich auf einige Spatzen zu meinen Füßen aufmerksam, die mich fast fordernd mit ihren schrägen Blicken ansahen und aufgeregt hin und her hüpften. Ich beobachtete ihr Treiben eine Weile lies mich dann herab, ihnen ein kleines Stück von dem Gebäck abzubrechen, das immer auf der Untertasse liegt und das ich nie esse. Oft schon hab ich überlegt, ob ich der Kellnerin, die mich gut kennt, und die mir ohne Aufforderung meinen Kaffee bringt, sagen sollte, dass ich nie Gebäck zum Kaffee nehme. Bisher ist es aber nie dazu gekommen, und aus mir noch unerfindlichen Gründen, schiebe ich diese Offenbarung weiter vor mir her.

Jedenfalls brach ich ein kleines Stück ab, und warf es den Spatzen hin. Sofort stürzte sich der Mutigste auf den Krümel, verteidigte ihn tapfer gegen seine Konkurrenten und flog davon. Die Anderen sahen mich mit ihren schräg gelegten Köpfen an und warteten erregt, ob ich noch weiter bereit wäre, ihnen etwas zukommen zu lassen. Nun, ich tat es. Dabei musste ich unwillkürlich darüber nachdenken, welch riesiger Unterschied doch zwischen unserem Menschenhirn und dem eines Spatzen besteht.

Er weiß nichts über die Bemühungen der Menschen, die notwendig sind, bis ein Gebäck fertig auf dem Teller liegt. Er weiß nichts davon, dass ein Feld umgepflügt werden muss, sodass den Samenkörnern des Weizens die Möglichkeit gegeben wird zu keimen. Er hat keine Ahnung von den Bemühungen des Bauern, die heranreifende Saat vor den Unbilden der Natur zu schützen. Ich schreibe nicht mehr vom Transport zur Mühle und überlasse dem Leser sich auszumalen, wie aus dem Mehl unter Zugabe von Backpulver, Zucker und Butter ein Gebäck entsteht. Von all dem hat der Spatz nicht die geringste Ahnung.

Naja, und genau so geht es uns Menschen. Wir sind gerade in der Lage, die Wurfbahn des Kuchenkrümels zu berechnen, und zwar leider erst kurz vor seinem Auftreffen. Wir können seine Zusammensetzung bestimmen. Wir wissen, dass er aus Atomen und Quarks besteht, die wir uns nur mit Hilfe mathematischer Modelle vorstellen können. Aber wir wissen nicht, woher er kommt und wer ihn gebacken hat.

Wir schauen mit immer verbesserten Teleskopen in den unendlich großen und dunklen Raum, der nur durch ein paar Einhundertmilliarden Sonnen weniger als schwach beleuchtet wird und fragen uns, wo ist das Ende des Universums? Was ist darüber und was dahinter? Ich bin mir sicher, dass die Menschen ähnlich wie der Spatz diese Geheimnisse nie erfahren werden. Aber das ist vielleicht auch nicht wichtig. Die Flugbahn des Krümels noch um einige zehntel Grad genauer zu bestimmen kurz bevor er auftrifft, ist doch schon mal einen schöne Herausforderung. Und darauf kommt es uns Menschen doch an.

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