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Mai08

Der Grünfink

Das Wort zum Sonntag von Prof. Dr. Rabenberg

Dieser kleine Geselle begleitet mich schon eine ganze Weile durch mein Leben.

Zuerst begegnete ich ihm vor vielen Jahren in Gestalt eines halb verhungerten und todkranken Tieres an einer Straßenbahnhaltestelle. Es war ein bitterkalter Winternachmittag. Die Bahn ließ auf sich warten, und als ich etwas auf und ab lief, um mich warm zu halten, bemerkte einen kleinen grünen Vogel, der sich hilflos im Schnee bewegte. Er war so schwach, dass ich ihn, ohne mich anstrengen zu müssen, in die Hand nehmen konnte. Ich betrachtete den Vogel, der ab und zu die Augen schloss, als sei er völlig übermüdet. Da hatte ich mir nun etwas aufgeladen. Was sollte ich mit dem Vogel tun? Ihn wieder aus meiner schützenden warmen Hand in den kalten Schnee aussetzen? Ich brachte es nicht übers Herz und stand eine Weile ratlos mit dem Tier in der Hand herum. Es näherte sich ein Taxi. Ich hob meine freie Hand. Der Fahrer bemerkte mich und hielt an. Ich nannte ihm meine Adresse. Zu Hause angekommen überlegte ich, wo ich das Tier lassen solle. Mir fiel nur dieser aus Bambus geflochtene Korb ein, der in der Küche seit Jahren ein unnützes Dasein fristete, obwohl er eigentlich für’s Gemüsegaren konstruiert worden war. Ich setzte den Vogel unter das Flechtwerk auf den Boden. Er bekam noch eine Untertasse mit Wasser und etwas von meinem Frühstücksmüsli.

Am nächsten Morgen sah ich unter den Korb. Ich erwartete nicht, den Vogel lebend vorzufinden. Zu meinem Erstaunen bewegte er sich aber doch. Gefressen hatte er nichts. Er ließ sich wegen seiner Schwäche problemlos in die Hand nehmen. Ein paar Straßen weiter gab es einen Tierarzt. Ich setzte den Vogel in einen Schuhkarton und ging zu ihm. Das Wartezimmer war leer und bald wurde ich ins Behandlungszimmer gerufen. Dort öffnete ich meinen Karton. Der Arzt nahm den Vogel in die Hand und hielt ihn an sein Ohr.

Er nickte und sagte mit Überzeugung: „Das Tier hat eine Lungenentzündung! Das kann man an seinem rasselnden Atem erkennen.“ Er gab mir den Vogel in die Hand und entschied: “Ich werde ihm eine Spritze geben. Wenn er die überlebt, hat er vielleicht eine Chance.“ Er bereitete eine Spritze vor und injizierte dem Tier einige Tropfen eines Serums. Wohin, ist mir bis heute unklar, denn dieser halbverhungerte Grünfink bestand eigentlich nur noch aus Haut, Knochen und Federn. Er wog nichts. Er überlebte die Injektion. Der Tierarzt verlangte seltsamerweise kein Honorar. Er gab mir den Rat, das Tier auf dem Balkon zu halten. In meiner beheizten Wohnung würde er unweigerlich sterben. Ich ging nach Hause. Dort angekommen kam der Fink wieder unter seinen Korb.

Ich fuhr in den Baumarkt, kaufte eine Sperrholzplatte und feinen Maschendraht. Ich bastelte daraus einen Käfig. Am nächsten Tag sah ich nach dem Vogel. Er hatte von meinem Müsli gefressen und sah etwas munterer aus. Er ließ sich aber immer noch leicht in die Hand nehmen. Ich setzte ihn in den Käfig und brachte ihn auf den Balkon. Am nächsten Tag machte er einen besseren Eindruck auf mich. Er hatte gefressen und zeigte sich ängstlich. Da ich bemerkte, dass er die geschälten Sonnenblumenkerne aus dem Müsli herausgesucht hatte, kaufte ich ihm diese Körner. Zwei Tage später saß der Fink schon auf dem Ast, den ich im Käfig angebracht hatte. Nach zwei, drei Wochen begann er zu singen.

Jetzt konnte ich mich kaum mehr dem Käfig nähern. Ich musste ihm aber frisches Wasser oder Körnern bringen. Der Vogel flog dann verängstigt gegen das Gitter.

Als der Frühling kam, entließ ich ihn in die Freiheit.

Ein Jahr später, ich traute meinen Augen kaum, bemerkte ich einen Grünfinken, der sich im Blumenkasten auf meinem Balkon ein Nest gebaut hatte. Er saß zwischen den Pflanzen und schützte mit seinem Körper das Nest vor den Wassergüssen meiner Gießkanne. Er war so gut getarnt, dass ich ihn schon einige Zeit begossen haben musste. Nun wurde ich beim Gießen etwas vorsichtiger. Ich begoss die Pflanzen jetzt so, dass sein Nest trocken blieb. Es schlüpfte ein Junges. Es wurde aber nicht erwachsen. Eines Tages war das Nest leer. Vielleicht hatte eine Elster oder eine Krähe das Junge gefressen.

Wenig später zog ich um. Die Wände des alten, etwas vernachlässigten Gründerzeithauses waren mit Efeu und wildem Wein bewachsen. Im Hinterhof gab es drei alte Bäume. Ich vernahm den Gesang von Grünfinken. Da ich wusste, was sie mögen, bekamen sie manchmal einige Sonnenblumenkerne.

Eines Tages kam für die kleinen Vögel, die schlecht fliegen können, das Unheil in Gestalt eines Sperbers. Er trieb einen von ihnen in die Enge und fing ihn im Flug. Danach setzte er sich ruhig auf einen der dickeren Äste der alten Kastanie und begann, dem toten Vogel die Federn auszurupfen. Er ließ sich nicht im Geringsten von dem nervigen Gekreische des Eichelhähers stören, der irgendwo im grünen Dickicht des Hofes sein Nest gebaut hatte. In aller Ruhe verzehrte der Greif seine Beute.

Vor Kurzem war ich im Bus auf Malta unterwegs. Viele der maltesischen Busse stammen noch aus den sechziger- oder siebziger Jahren. Wahrscheinlich entgehen sie der Verschrottung nur deshalb, weil sie ein beliebtes Fotomotiv für Touristen darstellen. Die alten Verkehrsmittel der Marken „Leyland“ und „Bedford“  machen einen Höllen-Lärm und dieseln wie in alten Zeiten über die Insel.

Malta

In einem dieser Busse hörte ich plötzlich den Gesang eines Grünfinken. Ich traute meinen Ohren kaum. War das ein Handy-Rufton? Der Gesang verstummte aber nicht. Er kam von vorn. Neben dem Fahrer bemerkte ich einen winzigen Käfig und in ihm einen Grühfink.

Busfahrer

Sein Gesang übertönte erfolgreich das kreischende Getriebe des Gefährts, in dem er unfreiwillig transportiert wurde. Nicht einmal das Klappern der Blechteile und das Nageln des Motors im Standgas, wenn der betagte Bus an einer der Haltestellen hielt, konnte seinem Gesang Einhalt gebieten. Es schien mir fast so, als ob er zu einem Wettstreit mit der Maschine angetreten wäre. An der Endhaltestelle stellte der Fahrer den Motor ab und eine himmlische Ruhe kehrte ein. Der Vogel hörte auch auf zu singen und genehmigte sich einige Körner.

Der Grünfink

Seit 2009 ist das Vogelfangen auf Malta verboten. Es war dort immer ein beliebter Volkssport. Vielleicht hören Sie ja heute einen der kleinen, grünen Vögel singen.

Ihnen einen schönen Sonntag!

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